Kritiken

Angela Wohnouts Gemälde begeistern auf den ersten Blick

Es sind poetische, oft „rätselhafte“ Kompositionen aus einer oder zwei meist semiabstrakten Figuren mit einer sicheren Verwendung von fein abgestuften leuchtenden frischen Farben. Auch mutig gesetzte Grelltöne überlasten die Bilder nicht, sondern dramatisieren sie punktuell – Wohnout verfügt über einen malerischen Gestus, der für sich in Anspruch nehmen kann, ebenso die Klassik wie auch die gegenwärtige Malerei zu reflektieren.

Die von Wohnout oft eingesetzten Konturenverschiebungen bei den dominanten Bildelementen lassen einen spannenden Effekt von Bewegung entstehen. Gleichzeitig beeinflussen diese Verschiebungen die Wahrnehmung des Betrachters: Figuren können Wesen und Schatten sein oder aneinandergereihte Seinsmomente, Gegenwart und Vergangenheit, oder generationelle Folgen wie bei den Matroschka-Puppen - manche Figuren scheinen eine Art Aura, ein erweitertes Ich zu besitzen, oft durchdringen sich Figuren körperlich gegenseitig, scheinen sich ineinander aufzulösen.

So reduziert, abstrahiert und verfremdet Angela Wohnouts figurenhafte Wesen oft wirken: Sie malt fast immer nach Modell. Bei den Doppelfigurenbildern malt sie zunächst eine ganze Serie, auf der jeweils Platz für die Entwicklung einer weiteren Figur gelassen wird. Erst später, mit zeitlichem Abstand zur ersten Figur, folgt dann die zweite. Das dargestellte Beziehungsdickicht spiegelt bei Wohnout nicht „eigene Zustände“, wie die Künstlerin sagt, sondern „das, was ihr entgegenkommt“: Sie hat die Kraft der Zurückhaltung, lässt die Figuren sich selbst werden und „zueinander finden“, die spezifischen Kompositionen entstehen bei Wohnout aus großer Intuition, sie zwingt ihnen keinen vorgegebenen Plan auf – nie ist die Bildkomposition wirklich kalkuliert. Genau das spürt der Betrachter, er wird nicht emotional manipuliert, er hat es nicht mit Effekthascherei und nicht mit Klischeedarstellungen zu tun: Wohnouts Figuren vermitteln keine eindeutigen Gefühlszustände oder Beziehungstopoi - mal geht von ihnen etwas Laszives, mal etwas Müdes-Introvertiertes aus, mal strahlen sie etwas symbiotisch-aufeinander-Bezogenes aus, mal vermitteln sie eine existentielle Einsamkeit, sie können überraschend alltäglich wirken (wie in der „Duschserie“), dann wieder erhaben wie ferne Feen – sie erlauben vielschichtige Erzählweisen, die den Betrachter in seiner Wahrnehmung eine gewisse Freiheit lässt. Tatsächlich sagt die Künstlerin von sich, „ich möchte, dass dem Betrachter mein Bild gut tut“ - unter diesem Gut-Tun ist nicht Erhebung durch dargestellte Fröhlichkeit zu verstehen, sondern ein Gefühl sanfter Versenkung und Verstrickung in die Bilder.

Beeinflusst von den Malern der Frührenaissance, insbesondere von Fra Angelico, will Angela Wohnout „schöne Bilder“ machen, doch ist ihr Begriff von Schönheit absolut auf der Höhe der Zeit: Ihre Figuren sind schön in ihrer Vielgestaltigkeit, Verletzlichkeit, ihrem Mehr-als-eine-Person-Sein, ihrer angedeuteten Identitätsauflösung oder zumindest ihrer In-Frage-Stellung des Subjekts als Einheit, in symbiotischen Sehnsüchten einerseits und andererseits ihrem Rekurs auf sich selbst - der Körper als letzter Rückzugsort, als Ort der Vereinigung und des Selbstschutzes. In Wohnouts Bildern wird, angenehm unpathetisch, in meist frühlingshaften Farben, das Leben in seiner primären, dabei nicht nur, aber auch sexuellen Körperlichkeit – einem Körper als Wohn- und Empfindungsraum - , gefeiert.

© Tanja Dückers, Berlin, im September 2011
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